Dinner 17. März 2026

«Digitale Souveränität» Hype oder wirtschaftliche Notwendigkeit?

von Torben Stephan

Torben Stephan ist Chief Ditigal Officer bei der Mercator Stiftung Schweiz. Zusammen mit seinem Team ist er zuständig für die Entwicklung des Förderthemas «Digitalisierung und Gesellschaft». Torben Stephan hatte zuvor die Leitung des Medienprogramms Asien der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in in Singapur inne. Zudem war er Mitbegründer der ersten Konferenz für Investigativjournalisten in Asien. Seit mehreren Jahren engagiert er sich im Bereich freier Software in der Schweiz, Europa und Asien.

Sein Referat, gehalten an einem Dinner-Anlass des Kiwanis Club Sihltal-Zürich mit knapp 30 Teilnehmenden, erstreckte sich über einige ausgewählte Herausforderungen der Digitalen Souveränität.

Wandel der Medienlandschaft und die Qualität von Informationen

Begonnen wurde mit den Ausführungen, dass die «klassischen» Medien einem grossen Wandel unterworfen sind mit dem Aufkommen der Sozialen Medien. Plötzlich verbreiten sich viele unterschiedliche und individuelle Berichte und die gut recherchierten journalistischen Arbeiten haben nicht mehr dieselbe Anerkennung und Bedeutung in der Gesellschaft. Dadurch ist die Existenz der klassischen Medienbranche bedroht, da durch die sozialen Medien die Werbeeinnahmen drastisch verschoben werden meist in Richtung USA mit den grossen Big Tech Unternehmen mit ihrer Kontrolle über die Sozialen Medien. Durch individuelle, nicht gesicherte Berichte verliert die Qualität der Information an Wert, was gefährlich für die Demokratie wird, die sich durch diesen Prozess wandelt.

Digitale Souveränität und ihre Dimensionen

Torben Stephans Arbeit in der Stiftung Mercator Schweiz befasst sich mit den gesellschaftlichen Aspekten der Digitalisierung. Dazu gehört die Entwicklung eines Konzepts mit Schweizer Ansatzpunkten zum Thema. Zu Beginn seiner Arbeit vor sieben Jahren lernte er, dass der Ausdruck «Digitale Souveränität» in der Schweiz nicht gut aufgenommen wurde. Daher änderte er die Bezeichnung zu «Digitale Selbstbestimmung». Jedoch zeigte sich, dass mit dem Aufkommen und Hype von Chat GPT, die Bezeichnung «Digitale Souveränität» verstärkt Anklang fand und daher mit den Entwicklungen auch die Wahrnehmung sich stark ändern kann. Aus demselben Grund verwendet er auch den Begriff der algorithmischen Systeme anstelle von KI (Künstliche Intelligenz), da der erstere Begriff deutlicher das Wesen des Systems beschreibt. Zunehmend wird durch die technischen Entwicklungen die Wertfrage der Souveränität zu einer wirtschaftlichen Frage mit dem entsprechenden Machtapparat. Die Souveränität erstreckt sich über vier Dimensionen: Regionale, gesellschaftliche, kulturelle und Informations- und Debatte-Dimension. Besonders interessant und hervorzuheben ist die wirtschaftliche Debatte mit der Frage der Wertschöpfung der Digitalisierung und der Innovationskraft. Interessant diesbezüglich ist der aktuelle Handelskrieg der USA und die Rolle der Big Tech Unternehmen, die sie dabei spielen. Aktuell befasst sich Stephan mit der Frage, ob Regulation wirklich die Innovationskraft hindert. Zu beobachten sei vielmehr, dass die Innovationen heute von kleineren Unternehmen, häufig von Startups kommen. Die grossen Unternehmen beschränken sich vielmehr darauf, diese Innovationen aufzukaufen. Vielfältige Aspekte ergeben sich mit dem Big Tech Google in Zürich. Ein Aspekt ist, dass gute Absolventen/Absolventinnen der Universität und ETH gleich nach ihrem Abschluss von Google mit hohen Gehältern angeworben werden und diese Talente daher für andere Unternehmen und für die städtische Verwaltung nicht mehr zur Verfügung stehen. Dadurch entsteht ein akuter Fachkräftemangel. Ein weiterer Aspekt, der auffällt ist die Gewährung von Steuergeschenken an Google. Sie bezahlen nur geringe Steuern, obwohl sie sehr hohe Gewinne erwirtschaften. Diese Subventionen treffen die falschen Player und sind eine verfehlte Industriepolitik.

Digitale Souveränität, Demokratie sowie Menschenrechte und Transparenz

Wie auch der Digitalexperte Prof. Martin Andree aus Köln betont, sind unabhängige und seriöse – d.h. gut recherchierte Informationen wichtig für die Demokratie. Wie bereits zu Beginn erläutert wurde, fliesst ein Grossteil der Werbeeinnahmen in die Social-Media-Kanäle und weg von den klassischen Medien. Zusätzlich ist auch die Frage der Menschenrechte und Big Tech ein Thema. Trotz dem US Cloud Act ist die Handhabung der Daten nicht transparent.  Als Beispiel sei der Fall erwähnt, bei dem Microsoft nach Trump-Sanktionen das Mail-Konto des Chefanklägers des Internationalen Gerichtshofs blockiert hat. Ein Gremium von IStGH-Richtern des Den Haager Gerichts hatte Haftbefehle gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und seinen früheren Verteidigungsminister Yoav Gallant mit Blick auf Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen erlassen hatte. Darauf sanktionierte US-Präsident Donald Trump das Den Haager Gericht. Zudem begünstigt diese Intransparenz der Verwendung der Daten auch die Wirtschaftsspionage.

Lösungsansätze

Wie können diese Herausforderungen minimiert werden? Ein Lösungsansatz ist Förderung und Nutzung von Open Source Lösungen, um die Abhängigkeit von Big Tech Unternehmen und von den USA zu reduzieren.

Silvia Helbling, 18.03.2026

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Lunch und Vortrag Peter Marty, 03.02.2026
Sihl Erlebnisweg – von der Quelle in die Stadt

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Peter Marty ist in Schindellegi, Kanton Schwyz aufgewachsen und in Einsiedeln zur Schule gegangen. Damit hat er seit seiner Jugend einen persönlichen Bezug zur Region und zur Sihl. Von Berufes wegen hat er zahlreiche Projekte zu Landschaft und zu Pärken von nationaler Bedeutung bearbeitet. Die grosse Themenvielfalt und die Angebotsfülle der Flusslandschaft haben ihn veranlasst, sich näher mit der Sihl zu befassen. Es gibt zahlreiche partielle Bezüge zur Sihl, u.a. Schriften zum Sihlsee, zur Fauna und Flora und zur Sihl selber – doch die Sihl wird kaum je in ihrer Ganzheit dargestellt. Auf ihrer Reise über 69 km von den Schwyzer Voralpen bis in die Limmat in Zürich durchfliesst die Sihl eine reiche Natur- und Kulturlandschaft. Der Sihl ErlebnisWeg als neues Wanderangebot lässt die vielfältige Landschaft mit ihren Themen und Eindrücken auf sieben Wanderetappen abwechslungsreich entdecken und erfahren.

Als Dozent der ZHAW in Wädenswil bildet Peter Marty, gemeinsam mit Stefan Gwerder, dem Geschäftsführer der Schwyzer Wanderwege und Christine Füllemann, der technischen Leiterin der Zürcher Wanderwege das Projektteam für den Sihl ErlebnisWeg. Als initiale Projektpartner waren die Wanderweg-Organisationen von Schwyz, Zürich und Zug mit von der Partie, wie auch die

Tourismusorganisationen Einsieden-Ybrig-Zürichsee, Rapperswil Zürichsee und Zug.

Als übergeordnete Zielsetzung und Produkt wurde zum Projektstart 2022 gemeinsam festgelegt:

Realisierung einer mehrtägigen Erlebniswanderung entlang der Sihl von der Quelle der Schwyzer Berge bis zum Zusammenfluss mit der Limmat über rund 70 km als touristisches Angebot.

Die initialen Projektpartner rechneten sich folgende Chancen aus: Wandern ist in der Schweiz die häufigste Sportart. Das Outdoorleben mit inhaltlicher Qualität und Genuss liegt im Trend und vor allem bietet der Sihlraum eine grosse Vielfalt von Themen und Aktivitäten. Als angestrebte Wirkung nennt der Projektplan unter anderen: Die ausserordentlich grosse Vielfalt des Lebens-, Kultur- und Wirtschaftsraums über eine Wanderung erlebbar machen. Bestehende Themen, Angebote und Leistungen ganzheitlich touristisch verknüpfen, erweitern und ergänzen. Das Projekt schafft Bewusstsein für die Qualitäten des eigenen Lebensraums und ermöglicht die attraktive Positionierung als touristischen Erlebnisraum um regionale Wertschöpfung zu generieren.

In einer ersten Projektphase galt es, als Voraussetzung, die Weginfrastruktur zukunftsgerichtet zu gestalten. Das bedeutet, die sieben Etappen festzulegen und zu signalisieren. Und zwar ausgehend vom bestehenden Wanderwegnetz der Kantone Schwyz, Zug und Zürich. Es folgt, dies über geeignete Plattformen zu kommunizieren. In einer vorgesehenen zweiten Phase soll an das bestehende touristische Angebot angeknüpft und dieses erweitert werden. Zu passenden Themenfeldern werden neue Angebote geschaffen.

Ein erster Meilenstein zur Phase 1:

Der Weg ist ausgeschildert, entsprechend kommuniziert und ab jetzt «wanderbar»!

Dieser Meilenstein konnte mit der feierlichen Eröffnung auf dem Rossberg in Schindellegi im September 2025 erreicht werden. Die Sihl und ihr Weg führen durch drei Kantone, die alle ihre eigenen Regeln, Interessen und Prioritäten haben, die berücksichtigt werden wollten. Hinzu kamen in der Projektentwicklung Anforderungen von Schweiz Mobil (als möglicher Kommunikationskanal), kantonalen Langsamverkehrsfachstellen, an normgerechte Signalisationen, an Übernachtungsmöglichkeiten, die Verknüpfungen und den Einbezug von bestehenden Angeboten, Ansprüche diverser Interessenvertretungen und nicht zuletzt die Vorgaben durch das offizielle Wanderwegnetz. All dies verlangte immer wieder nach Kompromissen, um in erster Priorität das Wanderangebot verwirklichen zu können. Nicht alle Wünsche konnten deshalb sofort erfüllt werden. Beispielsweise solche von Stimmen, die einen Weg nur dem Wasser entlang wünschten oder die Signalisation als regionale Schweiz-Mobil-Route. Letzterer, weil im Sihlraum durch die Stadt- und Agglomerationsnähe u.a. die entsprechende Übernachtungsinfrastruktur fehlt.

Ein zweiter Meilenstein zur Phase 1: Fakten und Zahlen zum Sihl Erlebnisweg

Sihlquelle: Chräloch (Unteriberg), 1'828 m

Mündung: Platzspitz (Stadt Zürich), 402 m

Flusslänge: 69 km

Weglänge: 7 Etappen, 107,5 km

Auf-/Abstiege: 3'142 / 3'665 m

Max / min Höhe: 1'833 / 405 m ü.M.

Gemeinden: Kanton Schwyz: 4 / Kanton Zug: 2 / Kanton Zürich: 9

Offizielle Eröffnung: 5. September 2025, Rossberg Schindellegi

Eine mögliche Phase 2: Die Sihl FlussLandschaft

Eine mögliche zweite Projektphase nutzt bestehende Angebote oder interessante und nutzbare Eigenheiten dieser vielseitigen Region und verknüpft sie. Im Vordergrund stehen Themenbereiche wie Alpwirtschaft, Natur- und Landschaftsqualitäten mit Moorgebieten und Geotopen, Energie und Ressourcen, Naturgefahren und Wasserbau, Industriekultur, Kultur und Brauchtum sowie Sakrallandschaft.

Die Vielfalt kann themenzentriert, oder entlang des Sihl ErlebnisWegs linear zugänglich gemacht werden. Für eine erfolgreiche Lancierung und Umsetzung ist das Interesse der Thementräger zentral, sich zu koordinieren. Eine Trägerschaft ist nötig welche die Angebote vermarktet und betreibt. Dadurch können Wertschöpfung für die Region generiert und Wertschätzung bei der Bevölkerung gestärkt werden.

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Referat Prof. Dr. Josef Marbacher, 20. Januar 2026, Hotel Belvoir, Rüschlikon

 

Weltwirtschaftliche Lagebeurteilung und Ausblick 2026

 

Prof. Dr. Josef Marbachers Wissen gründet sich auf jahrzehntelangen wirtschaftlichen Forschungen, wichtigen beruflichen Tätigkeiten im Banken- und Versicherungswesen, sowie als Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Ebenda gründete er 2001 das Institut für Finanzmanagement IFF und leitete dieses bis 2012. Auf Einladung des Kiwanis Clubs Sihltal-Zürich hat er das Auditorium im Hotel Belvoir, Rüschlikon während seinem 90-minütigen Vortrag in seinen Bann gezogen. Die rund 90 Zuhörer folgten interessiert und aufmerksam.

Seit anfangs der 2020ziger Jahre hat die Welt beispiellose fünf Schocks erlebt. Zuerst die Pandemie mit hohen Einbussen beim Bruttoinlandprodukt BIP, die viele Arbeitskräfte an der Arbeit gehindert hatte. Anschliessend folgte ein Nachfrageboom, mit dem der vorangegangene Konsumverzicht kompensiert werden sollte. Als nächstes folgte der Krieg in der Ukraine mit harten Folgen für die Märkte und Unterbrechungen der Lieferketten. Dann kamen die Energielieferungen aus Russland rasch zum Erliegen. Sie betrafen insbesondere Europa und als letztes der Profit-Schock.

Alle fünf Schocks führten zu hohen Wohlstandsverlusten, grossen Staatsverschuldungen und der höchsten Inflation seit den siebziger Jahren. USA und Europa kumulierten rund 20% Inflation, also ein gewaltiger Vermögensverlust all jener, die in Nominalwerten sparten. Dies veranlasste insbesondere die amerikanische Notenbank zu einem massiven Bremsmanöver, dem auch die Europäische Zentralbank folgte. In der Zwischenzeit hat sich die weltweite Produktion wieder erholt und die Inflationszahlen auf die gewünschte Höhe von 2% gedrückt. Einzig in den USA hat der Zollschock des letzten Jahres die Inflation auf gegen 3% gehalten.

Solcherart massive Ereignisse in so kurzer Zeit führten zu ausserordentlichen volkswirtschaftlichen Kosten. Einerseits hat die Pandemie zu überdurchschnittlichen Todesfällen und damit Produktionsausfällen geführt. Andererseits waren die Länder gezwungen, enorme Hilfspakete zusammen zu stellen um ein kollabieren der Wirtschaft zu verhindern. Die Verschuldung der OECD-Staaten ist dadurch auf etwa die Höhe des BIP gestiegen. Der Handlungsspielraum der Staatengemeinschaft ist damit stark eingeschränkt worden. Doch nicht nur die einzelnen Länder haben verloren, auch diejenige Bevölkerung, die ihre Ersparnisse auf Bankkonten und in Obligationen angelegt hat. Die zusammengerechnete Inflation in der OECD der letzten 5 Jahre betrug über 20% (in der Schweiz 8%)! Als Gewinner stehen alle, die Hypotheken besitzen, die sich in der Höhe der Inflation entwertet haben. Profitiert haben zudem diejenigen Firmen, die mittels erhöhen der Margen und zudem mit Fremdkapital finanziert sind. Dies erklärt auch, weshalb die Aktien über die letzten Jahre überdurchschnittliche Renditen erzielten. Positive Schocks haben aber auch zu diesem glänzenden Resultat geführt, die unter dem Begriff «Künstliche Intelligenz» zusammengefasst sind. Die Anbieter dieser Technologien versprechen hohe Produktivitätsgewinne für nahezu alle Branchen. Ein begrenzter Wettbewerb lässt hohe Gewinnraten erwarten, die jedoch bereits in den heutigen Kursen eingepreist sein dürften.

Dieser kurze Rückblick zeigt, dass globale Schocks für viele verlustreich oder gar tragisch verlaufen können, andererseits aber auch viele Gewinner kennt. Vor allem die Aktionäre haben über höhere Gewinne von den Angebotsverknappungen profitieren können – der amerikanische Aktienindex hat sich in den letzten fünf Jahren nahezu verdoppelt.

Ein neuer Schock zeichnet sich 2026 ab – die USA verabschieden sich von der bestehenden Weltordnung und von Europa

Auslöser ist der vor Kurzem von der amerikanischen Regierung herausgegebene Strategiebericht zur nationalen Sicherheit «National Security Report». Bei der skizzierten Strategie geht es um einen Paradigmenwechsel, im Kern um den Souveränitätsbegriff eines Staates. Nämlich als Letztentscheidungsrecht innerhalb des Staates und nach aussen als Unabhängigkeit und Unversehrtheit eines Staates innerhalb der Staatengemeinschaft. Kein stärkerer soll das Recht haben einen schwächeren zu überfallen und in Besitz zu nehmen. Die neue Administration verwirft diesen Souveränitätsbegriff und postuliert ausdrücklich, dass nur souverän ist, wer die Macht besitze diese auch zu garantieren. Zahllose internationale Organisationen sollten sie absichern (UNO, GATT/WTO, IMF, WHO usw). Die Staatengemeinschaft sanktioniert über gemeinschaftliche Beschlüsse Verletzungen der Souveränität. Diese regelbasierte Weltordnung brachte 8o Jahre Wohlstandsschöpfung durch Arbeitsteilung und Spezialisierung.

Die USA verlassen mit dem «Strategiebericht» diese Ordnung. Der Einflussbereich der USA wird dadurch neu definiert. Im Zentrum steht die «westliche Hemisphäre», die auch den Pazifik und den Atlantik umfasst (Strategiebericht, S. 15). Der deutsche Historiker Rögger spricht von einem Paradigmenwechsel: «Recht werde durch den Dschungel ersetzt». Andere Experten sprechen von einem zivilisatorischen Rückschritt, da das Völkerrecht seit dem zweiten Weltkrieg, trotz Mängeln, wesentlich zur friedlichen Entwicklung der Staatengemeinschaft beigetragen habe. In diesem Bereich gilt die Dominanz der USA als uneingeschränkt. Es wird keiner anderen Macht mehr gestattet, Positionen aufzubauen. Das sind keine leeren Worte: Venezuela ist bereits vorübergehend übernommen worden, was die NZZaS wie folgt kommentierte: «Die USA wollen wieder gleichsam Kolonialmacht in der westlichen Hemisphäre sein.»

«Scheidungsdokument für Europa»

Auch für Europa sieht der Bericht eine Kehrtwende zur bisherigen Strategie vor. Folgenschwer dürfte der Hinweis sein, dass Europa in Zukunft für die eigene Sicherheit zu sorgen habe. Damit ist nicht nur die konventionelle, sondern auch die nukleare Verteidigungsbereitschaft gefährdet. Es werden in den kommenden Jahren enorme Anstrengungen nötig sein, um die Souveränität wieder herzustellen. Ebenso sei Europa mit dem Integrationsprozess auf dem falschen Weg – dieser hindere die einzelnen Nationen an ihrer Entfaltung. Deshalb verlangt die USA: «Abkehr vom eingeschlagenen Weg!» Die USA werden gleichgesinnte Parteien unterstützen und zudem ist eine Anlehnung an feindliche Staaten wie China unerwünscht.

Im Moment ist es schwierig abzuschätzen, wo der Machtrausch Trumps enden könnte. Im neuen Strategiebericht findet der Gewaltverzicht keine Erwähnung mehr. Der Staatsapparat und Unternehmen sind gehalten, in Verträgen die Interessen der USA zu vertreten, allenfalls auch mit Hinweis auf Konsequenzen bei Nichtbefolgung. Imperiale Gebiets- und Vermögensansprüche sind z.B. für Grönland und Kanada schon angesagt oder bereits umgesetzt wie in Venezuela. Asymmetrie der Macht setzt Vermögens- und Wohlstandsverschiebungen zugunsten der USA dort Grenzen, wo die Schwächung der Partner auch auf die USA zurückfallen (Zollschlag April 2025).

Mit was ist nun aber künftig zu rechnen? Praktisch alle lateinamerikanischen Staaten dürften deutlich an Souveränität verlieren, da bestehende Handelsbeziehungen ausserhalb der westlichen Hemisphäre nicht mehr geduldet werden. Wie ist die Annexion Grönlands einzustufen? Oder Kanadas, womit die USA zum weltgrössten Land aufsteigen könnte (Verdoppelung auf 18 Mio. Km2). Weitere Sanktionen und Schädigungen des Wirtschaftswachstums erscheinen wahrscheinlich, um einen Regierungswechsel nach rechts erwirken zu können. Die Umsetzung dürfte das Ende der Nato bedeuten. Wie die Staatengemeinschaft auf diesen Machtmissbrauch reagieren wird, ist völlig offen. Im Moment scheinen alle blockiert zu sein. Jeder duckt sich vor dem Gewaltanwender, da ein Aufbäumen nur zusätzliche Probleme provoziert. Ein erster Test könnte sich bereits ergeben, wenn Trump europäisches Territorium annektieren sollte.

Europa ist gefordert

Europa wird eine eigenständige Sicherheitspolitik aufbauen müssen, vorerst durch Kooperationen auf der Basis des Völkerrechts und der Rechtstaatlichkeit (Mercosur, Asien). Mittelfristig mit dem Aufbau der konventionellen und der nuklearen Kapazitäten und zwar unter Berücksichtigung der Sicherheitsbedürfnisse der Nachbarstaaten. Ziel dieser “Willigen” müsste es sein, nur Kandidaten in ihren Kreis aufzunehmen, deren Souveränität man auch verteidigen kann (Beistandspflicht).  

Aus Schweizer Sicht steht auch der Euro unter politischem Druck. Eine jahrzehntelange lockere Geldpolitik trieb Exporte und Migration voran. Viele sehen einen systematisch höheren Euro als einziges Instrument, um diese Abhängigkeit zu verringern, ohne die EU-Regeln zu beeinträchtigen. Zusätzlicher Druck kommt auch vom US-Finanzministerium, das Regeln für die SNB festlegt hat. U.a. sollen Währungs- Interventionen auf 2 % des BIP begrenzt werden. Eine beispiellose Intervention mit Zwang zu Negativzinsen. Nicht nur Territorien, auch Kapital ist also gefährdet.

Die enorme US–Aussen-Verschuldung wird als “ungerechte Belastung” definiert. “Schulden sind euer, nicht unser Problem». Libertäre haben deshalb im “Project 25” den Umtausch der Staatsobligationen in ewig laufende Papiere mit 1%-Iger Verzinsung vorgeschlagen! Die moralische Rechtfertigung dazu lautet: «Schulden sind wegen der jahrzehntelangen Handelsbilanzdefizite entstanden». Private und Notenbanken wären von einer derartigen Massnahme enorm stark betroffen, denn die Kapitalmärkte haben dieses Risiko (noch) nicht in den langfristigen Zins eingebaut (Risiko nur für Ausländer?). Hingegen ist der Goldpreis in die Höhe geschnellt, da Dollaranlagen durch Gold ersetzt werden. Diese neue Rechtslage macht es auch für Private sinnvoll auf $-Staatsanleihen zu verzichten und transitorisch etwas mehr Gold als üblich zu halten 

Auch in der Geldpolitik gilt: Macht vor Recht!

Die Administration hält nichts von intellektuellen Konzepten, wie “der Unabhängigkeit der Notenbanken”. Der Ersatz Powells durch einen loyalen Trumpisten gilt als sicher. Die Kriminalisierung Powells soll die Zinssenkung noch vor dessen Ablösung beschleunigen und einen Konjunkturboom vor den Novemberwahlen auslösen. Den demokratie- und aussenpolitisch fragwürdigen Trends stehen aber wirtschaftspolitische Sachverhalte gegenüber, die anlagepolitisch von erheblicher Bedeutung sind. Seine zweite Kandidatur für das Präsidentenamt wird unter anderem mit dem guten US-Börsenverlauf begründet. Die Zinskurve ist bereits jetzt positiv, der langfristige US-Zinssatz hält sich um die 4%. Ihr Anstieg dürfte mit dem neuen FED-Vorsitzenden wahrscheinlicher werden. Eine weitere Senkung der Langfristzinsen ist damit unwahrscheinlicher geworden.

Sowohl Konjunktur, als auch Inflation deuten auf eine leichte Wachstumsverlagerung von den USA in die EU hin. Zölle und geopolitische Ungewissheit lassen nur ein moderates Wirtschaftswachstum, wie auch die nur unterdurchschnittliche Auslastung der europäischen Produktionsanlagen, Inflationsraten im Zielbereich erwarten. Die USA liegen leicht darüber. Die Budgetdefizite der Mehrheit der Staaten waren Ende 2024 im roten Bereich. Die globale Aufrüstung von ca. 3% verdoppelt die Defizite oder macht Steuererhöhungen erforderlich.

Positiver erscheint der Ausblick dank grösserer Freiheiten und beträchtlichen Kostenverschiebungen von den Unternehmen zur Allgemeinheit. Die Börsenentwicklung ist ein wichtiger Massstab für die Aministration (Gewinnsteigerungen als Ziel). Das Fiskalpaket ‘Big Beautiful Bill’ brachte Entlastungen von Unternehmen, aber auch eine höhere Verschuldung. Zölle auf ausländischen Produkten erhöhen den Preissetzungsspielraum für einheimische Firmen. Die Abkehr von der Umwelt- und Energiepolitik bringt grosse Entlastungen und eine starke Ausdehnung fossiler Energiequellen.  Fallende Energiepreise bringen amerikanischen Firmen Wettbewerbsvorteile. Die massive Einschränkung behördlicher Aktivitäten durch Gesetzesänderungen und Ressourcenentzug bringt Handlungsspielräume für Unternehmen. Weniger Wettbewerbskontrolle bringt mehr Freiraum für den Ausbau von Monopolstellungen und kartellistischen Absprachen.

Andererseits werden viele Behörden mangels Personals und reduzierter Kompetenzen ihre Aufsichts- und Kontrolltätigkeit nur noch begrenzt ausführen können. Das gibt Freiräume für die unternehmerische Tätigkeit, aber auch mehr Verantwortung und Risiken für die Konsumenten und Arbeitnehmer. Diese Regierung hält wenig vom marktwirtschaftlichen Wettbewerb. Unternehmen haben jetzt grössere Freiheiten monopolistische Strukturen und Kartelle hochzufahren.

Hohe Gewinnerwartungen der Unternehmen sind in Börsenkursen eingebaut. Auch Freiräume für den Aufbau der Infrastruktur für die Künstliche Intelligenz KI (Datensammlung und Energiebereitstellung) hat die Gewinnerwartungen stark ansteigen lassen. Insgesamt kann man wohl festhalten, dass diese Administration den Regierungsapparat weitgehend in den Dienst der Unternehmen stellt.

Ausblick

Gesamthaft betrachtet sind die realwirtschaftlichen und geldpolitischen Perspektiven als ansprechend einzuschätzen. Die Gewinnaussichten für die Unternehmen sind aufgrund der zusätzlichen Freiheiten und der potenziellen Produktivitätsgewinne der Künstlichen Intelligenz als überdurchschnittlich gut zu bewerten. Aktivismus ist nicht erforderlich.

Die Entscheidung des militärisch und wirtschaftlich mächtigsten Landes, Recht durch Macht zu ersetzen, bringt zusätzliche Aggression in die Staatengemeinschaft. Sanktionen, Zölle, Lieferkettenunterbrüche, Angebotsknappheiten und Aufrüstung sind die Folge, was das Verschuldungs- und Inflationsrisiko erhöht. Keine guten Zeiten für Nominalforderungen (Obligationen und Bankguthaben).                

Und dazu kommt …

Der Schmerz, den der Verlust eines guten Freundes erzeugt, der sich von den gemeinsam verteidigten Idealen der Demokratie, der Freiheit, der Menschenrechte und Souveränität der Staaten verabschiedet und sie durch rohe Gewalt zu ersetzen gedenkt.

Toni Semadeni

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